Früher war alles viel einfacher. Da gab es nur Fernsehprogramme, die über die normale Antenne empfangen werden konnten. Die gibt es heute auch noch, nur heißt das heute terrestrisch, was soviel bedeutet wie von der Erde ausgestrahlt. Das heißt, die Sendeanlagen für diese Programme stehen auf dieser unserer Erde, und die ausgestrahlten Sendungen werden auf direktem Weg - also ohne Umweg über den Weltraum - mit normalen Antennen empfangen.
Neue Wege
Nach langem Hin und Her sollte es dann auch in unseren Breiten endlich, neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ARD, DLF, DW und ZDF) auch privaten Veranstaltern ermöglicht werden, Fernseh- und Radio-Programme auszustrahlen. Was aber tun, wenn die terrestrischen Frequenzen knapp und überdies fast alle an die öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ARD und ZDF vergeben waren und der Rest vom Militär ständig (für den Verteidigungsfall) besetzt wurde? Es mußten neue Übertragungsmöglichkeiten her. Neben der althergebrachten Art, TV- und Radioprogramme zu empfangen, entwickelte man nach und nach zwei weitere Möglichkeiten: das Kabel und den Satelliten-Direkt-Empfang. Wichtigster Unterschied der beiden Empfangsarten ist das zweite Wort im letzten Begriff: Direkt.
Ausgangspunkt für beide Wege ist die Sendezentrale der Fernsehmacher, in der die Sendungen entweder in eine Art Videorecorder gelegt (Spielfilme, aufgezeichnete Programme) oder direkt (live) produziert werden. Von hier aus gehen die Programme entweder direkt zu einem Satelliten oder erst per Kabel zu einer Sendestation, die die Signale nach oben befördert.
Runter kommen sie alle
Beim Kabelempfang werden die ortsüblichen Programme entweder aus der Luft geholt, über Richtfunkstrecken herangeführt oder von zumeist posteigenen Satelliten empfangen. Die schwachen Satelliten-Signale können dabei nur von relativ gigantischen Schüsseln empfangen werden. Da sich schlechterdings nicht jeder eine zwischen drei und dreißig Meter durchmessende Schüssel in den Garten oder aufs Dach stellen kann, wurden diese Empfangsanlagen sozusagen als Gemeinschaftsantennen für ganze Regionen ausgelegt. Die Deutsche Bundespost Telekom oder Privatunternehmen betreiben diese Riesenschüsseln und vermitteln die empfangenen Programme - gegen Vermittlungsgebühr - an ihre Kunden. Die Verbindung von dieser Schüssel zum Kunden erfolgt über eigens zu diesem Zweck verlegte (und von den Kunden zu bezahlende) Spezial-Kabel. (Zur Zeit Kupferkabel, die in wenigen Jahren gegen Glasfaserkabel ausgetauscht werden sollen, wobei die dadurch entstehenden Kosten von den Kabelnutzern getragen werden müssen.) Die Kunden, die per Kabel mit der Kopfstation verbunden sind - richtig, das sind die Wohnungen, die verkabelt sind.
In der etwas technisierteren Sprach-Version heißt die Riesen-Schüssel auch Kabelkopfstation. Das Übertragen der Programme zum Satelliten heißt Uplink (engl. etwa Hinaufverbindung), die Funk-Strecke zurück zur Erde heißt Downlink (engl. etwa Hinunterverbindung).
Vom Himmel hoch ...
Mit der Weiterentwicklung der Technik war es schließlich möglich, Satelliten zu bauen, die die empfangenen Programm-Signale erheblich verstärkten und diese starken Signale zur Erde zurückfunkten. Diese Signale können - je nach Satellit - schon mit Schüsseln empfangen werden, die nur einen Durchmesser von 60 cm oder sogar 35 cm haben müssen. Ein Beispiel hierfür ist das ASTRA-System und die zwei bis drei Satelliten der europäischen Telekom-Satelliten-Organisation EUTELSAT, die auf 13 Ost positioniert werden sollen. Auf beide gehen wir später in diesem Buch noch genauer ein. Beim Satelliten-Direkt-Empfang gibt es also keine Kabelkopfstation, keinen Vermittler - also auch keine Vermittlungsgebühren, logischerweise auch keine Kabelverbindung - also keine Kabelgebühren. (Und keine zusätzlichen Kosten, die durch den Austausch von Kupfer- gegen Glasfaserkabel entstehen.) Bis zum 1. Februar 1991 verlangte die Deutsche Bundespost (Telekom) noch eine Anmeldung nebst 25,- DM Anmeldegebühr für den Empfang von ASTRA. Da dieser Gebühr keine Leistung der Post gegenüberstand und sich auch die europäische Rechtsprechung stets gegen Gebühr und Anmeldung ausgesprochen hatte, war die Aufhebung der Gebühren und Anmeldepflicht mehr als überfällig. (Der ASTRA-Betreiber SES war damals noch ein von der deutschen Post unabhängiges Privatunternehmen.) Doch wer glaubt, daß es die Telekom und Kabelfirmen aufgaben, den Satelliten-Direkt-Empfang zu behindern, irrt. Man bediente und bedient sich bis heute jetzt eben verstärkt der lokalen Behörden, um mit fadenscheinigen Begründungen ein generelles Verbot von Schüsseln zugunsten des Kabels durchzusetzen.
Arbeitsteilung
Eigentlich bietet sich bei den verschiedenen Übertragungsarten auch eine Art Arbeitsteilung an - die bloß in Deutschland so gut wie gar nicht realisiert wurde.
Terrestrische UKW-Frequenzen eignen sich bestens für die drahtlose Versorgung kleinerer Gebiete. Sie sollten also genutzt werden für viele kleine lokale Stationen mit geringer Sendeleistung (Low Power Stations) und für regionale Sender wie die öffentlich-rechtlichen Grundversorger der jeweiligen Bundesländer. Hierbei wäre es sinnvoll - und technisch möglich - landesweite Hörfunkprogramme auch landesweit auf einer Frequenz auszustrahlen und die anderen Frequenzen für die lokalen Low-Power Stationen zu reservieren. Diese Stationen versorgen auch Autoradios und Kofferradios, sind also für den ortsungebundenen Empfang (unterwegs) wichtig.
Kabel ist die Wahl für ortsgebundene und verschlüsselte Übertragung. Hier könnten neben den heute bereits verbreiteten öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern beispielsweise auch lokale Fernsehstationen und der sogenannte Offene Kanal, in dem Bürger Fernsehen oder Radio machen können, übertragen werden. Lokale Stationen sind in Deutschland - im Gegensatz beispielsweise zu den Niederlanden - völlig unüblich. Die offenen Kanäle sind zumindest in NRW-Kabeln so häufig, wie ein Hund Federn hat. Der bekannteste und erste offene Kanal war übrigens der Offene Kanal im damaligen Kabelversuchsprojekt Ludwigshafen, der heutigen AKK-Zentrale. (Gestartet ist dieser damals interessanterweise mit einer Sendung gegen den offenen Kanal.) Lokale, oft ein wenig unorthodoxe Kabelsender sind in Amerika das Salz in der Suppe der Kabelnetze. Aber Deutschland ist halt ein sehr salzarmes Land.
Satelliten-Fernsehen sollte für die direkte Versorgung (Schüssel-Individual oder Gemeinschaftsempfang) mit europäischen Programmen in allen europäischen Staaten eingesetzt werden. Mit Hilfe der Satelliten-Programme sollte es möglich sein, daß sich die europäischen Menschen besser kennenlernen und näherkommen. (Zumindest kann man dann im Fernsehen nicht mehr alle Probleme dem Nachbarn in die Schuhe schieben, denn der schaut ebenfalls zu, und die Zuschauer haben die Möglichkeit, auch die Sichtweise des Nachbarlandes zu erfahren.)
So oder ähnlich hätten sich die Übertragungsarten eigentlich ergänzen können. Leider wurde diese Möglichkeit in Deutschland nicht genutzt. Und so bietet das bundesdeutsche Kabel heute keine lokalen Fernsehstationen (mit wenigen Ausnahmen), und über Satellit werden regionale Dritte Programme der bundesdeutschen Öffentlich-Rechtlichen europaweit ausgestrahlt, während der WDR sich anbietet, lokale Fernsehprogramme über Antenne zu veranstalten. (Weil - da waren doch tatsächlich wieder terrestrische Frequenzen frei!)
Geschlossene Gesellschaft
Sowohl im Kabel als - leider in verstärktem Maße - auch über Satellit werden sogenannte Pay-TV-Programme ausgestrahlt (Pay = engl. bezahlen). Das bekannteste Programm im deutschsprachigen Raum ist der Kirch-Bertelsmann-Sender Teleclub (bzw. das Bertelsmann-Programm Premiere). Für England sind es beispielsweise die Programme von Murdochs Satelliten-TV-Imperium British Sky Broadcasting und für den niederländischen Raum Filmnet. Diese Programme, die meist sehr früh nach der Videoverwertung Spielfilme zeigen, strahlten ursprünglich keine Werbung aus. Sie finanzierten sich ausschließlich durch die Mitglieds-Beiträge ihrer Zuschauer.
Damit aber wirklich auch nur diejenigen in den Genuß der Filme und anderen Programme kommen können, die dafür bezahlen, werden die Pay-TV-Programme verschlüsselt ausgestrahlt. Diese Verschlüsselung bringt den Bildaufbau völlig durcheinander, so daß nur ein Streifen-Gewirr oder völlig dunkles Bild auf Ihrem Fernseher erscheint. Da Verschlüsselung und Pay-TV leider auf ASTRA eher die Regel denn die Ausnahme geworden ist, befaßt sich ein eigenes Kapitel (nämlich Kapitel 11) in diesem Buch mit diesem Thema.
Private über Antenne
Zum Abschluß dieses Kapitels noch einmal kurz zurück zu den terrestrischen Frequenzen. In den Anfangsjahren der Kabel- und Satelliten-Anlagen waren die erforderlichen Empfangs-Geräte verständlicherweise ziemlich teuer und daher nicht sonderlich weit verbreitet. Private Anbieter wie SAT.1 und RTL Televison (früher RTLplus) aber finanzieren sich zum größten Teil durch die ausgestrahlten Werbespots. Die Preise für diese Werbespots werden nach ihrer Länge und den Zuschauerzahlen berechnet.
Wie teuer ein privater Sender also die Zeit für einen Werbespot verkaufen kann, hängt davon ab, wie viele Zuschauer, also welche Reichweite das Programm hat. Glück für die privaten Programmanbieter, daß einige CDU-regierte Bundesländer sich für den Privatfunk stark machten und den fast unbeschränkten Herrscher über Funkwellen und Sendeanlagen für Radio und Fernsehen in Deutschland - richtig, die Deutsche Bundespost Telekom - in die Zange nahmen. Und siehe da, nach einigem Hin und Her fanden sich urplötzlich bundesweit freie terrestrische Frequenzen - für Radio und Fernsehen. Leider muß auch dazu gesagt werden, daß in einigen SPD-regierten Ländern viele dieser Frequenzen sofort an den öffentlich-selbstgerechten Haussender (in NRW an den WDR und an eine vom WDR nicht gerade unabhängige Gesellschaft namens Radio NRW GmbH) gingen. Man sieht, auch die Politik hat ihre Hände stark im Spiel der neuen Medien, und das bedeutet - so oder so gefärbt - meist nichts Gutes. Dennoch kann inzwischen in vielen Bereichen der Bundesrepublik privates Fernsehen und privater Hörfunk ganz normal über die Antenne empfangen werden - wenn auch, wie in NRW, nur wenige Anbieter in teilweise lächerlich kleinen Verbreitungsgebieten (und aufgrund der geringen Sendeleistung bietet beispielsweise der an SAT.1 vergebene Sender bereits in den mittleren Stadtbezirken miserable Qualität). Für viele Zuschauer und -hörer also doch wieder ein Grund für Kabel oder Satellit - für mehr Programme in besserer Qualität (zumal hier auch das RTL-Haupt-Programm in NRW zu Zeiten gesehen werden kann, in denen auf den terrestrischen Frequenzen das Regionalprogramm ausgestrahlt wird).
Ihre kompletten Rundfunkgebühren bekommen übrigens allein die Öffentlich-Rechtlichen, egal ob Sie die Sendungen von ARD, ZDF, die Dritten oder dem Deutschlandradio sehen oder hören. Auch wenn Sie keine einzige Sendung von ARD oder ZDF sehen oder hören und statt dessen BFBS oder FFN hören und RTL oder CNN sehen - die ganzen Gebühren gehen in die bodenlosen Taschen der staatlich geschützten Rundfunkbürokraten. Eine Gegenleistung für Ihre Gebühren brauchen die Anstalten nicht zu bringen, die Gebühren sind allein dadurch gerechtfertigt, daß die Anstalten die Programme bereitstellen und Sie über die technischen Voraussetzungen zum Empfang (Radio oder TV-Gerät) verfügen. Das ist etwa so, als müßten Sie jedem Restaurant, an dem Sie vorbeigehen, einmal die komplette Speisekarte bezahlen, nur weil Ihr Körper über die technischen Voraussetzungen für den Empfang der bereitgestellten Nahrung verfügt. Schwachsinn? Schon, aber deutsches Mediengesetz. Und dieses gilt für alle Ausstrahlungsarten, sei es terrestrisch, im Kabel oder über Satellit.
Im nächsten Kapitel dreht sich alles um die schicksalhafte Frage: Warum soll mensch sich eine Schüssel zulegen, statt sich verkabeln zu lassen oder nur die terrestrischen Programme zu empfangen?
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