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Es muß nicht immer Kabel sein ...


Kapitel 7

Kapitel7: ASTRA - Freiheit, die vom Himmel kommt?


Satelliten-Fernsehen war in unseren Breiten lange Zeit ein Sport fürMedienfreaks und Funk-Enthusiasten. Nicht zuletzt, weil neben den vonder Deutschen Bundespost ungern bis gar nicht erteilten Genehmigungenauch noch drei bis vier Meter durchmessende Parabolspiegel (Schüsseln)notwendig waren, um Fernsehsendungen aus aller Herren Länder insheimische Fernsehgerät zu holen.
Heute ist es auch in unseren Breiten schon fast normal, mit einerSatelliten-Schüssel Radio- und Fernsehprogramme aus dem All zuempfangen. Außer vielleicht für die Medienwächter bei Telekom undBehörden, für die der Empfang ausländischer Programme immer nochetwas Anrüchiges, Unehrenhaftes und Unmoralisches ist.
Wie konnte es trotz des unmenschlichen Widerstandes der Postler undKirchturmpolitiker dazu kommen? Daß Sie heute die Programmvielfaltaus dem All sogar mit Duldung der Deutschen Bundespost empfangenkönnen, ist vor allem der Verdienst der ASTRA-Satelliten ...

Die gar schröckliche Moritat von ASTRA und Kopernikus
Leute, leset die Geschichte, die sich zugetragen hat, von dem kleinenSatelliten ASTRA und seiner mächtigen Konkurrenz, der DeutschenBundespost Telekom: Es begab sich aber zu der Zeit, da bei uns für dieFernsehprogrammverteilung ausschließlich die Fernmeldesatelliten wieECS F1 eingesetzt wurden. Die Fernsehprogramme aber waren nur mitgroßen, 3 - 4 Meter durchmessenden, Parabolspiegeln zu beschwören,sich in den heimischen Kinos der Pantoffeln zu zeigen. Doch in einemLande inmitten der Weltenregion, die Europa geheißen, wurden in einemkleinen Lande, das die Nachbarn bereits mit seinen vier fröhlichenWellen erzürnet hatte, gar finstere Pläne geschmiedet ...

Na ja, vieles, was heute wie ein Märchen klingt, war vor wenigen Jahrennoch Wirklichkeit. Satelliten wurden lediglich zur “Verteilung" vonFernsehprogrammen genutzt, das heißt zur Einspeisung in dieKabelnetze. Und die Betreiber der Satelliten, allen voran die DeutscheBundespost, hatten nichts weniger im Sinn, als ihren Kabelnetzenaußerirdische Konkurrenz zu machen (oder diese auch nur zu gestatten).Über Intelsat V F12 wurden 3SAT, musicbox, WDR 3, Bayern 3, 1Plusund eureka übertragen. ECS F1 steuerte TV 5, Sky Channel, Sat.1, RTLplus und Super Channel bei. In der Planung der Deutschen Bundespostbefanden sich TV-Sat und DFS-Kopernikus. Für alle diese Satelliten mitAusnahme von TV-Sat mußten die Schüsseln zum Empfang derProgramme einen Durchmesser von 3-4 Metern haben. Und fürKopernikus brauchte man einen zusätzlichen 12-GHz-LNB und für TVSat einen D2-MAC-Receiver. Das alles war nicht unbedingt besondersdazu angetan, den Individualempfang interessant zu machen.
So also sah das 1987 aus, vier Jahre, nachdem man in Luxemburg aufAnregung des damaligen Regierungspräsidenten (und heutigenVerwaltungsratspräsidenten der SES) Pierre Werner angefangen hatte,ein privatwirtschaftlich betriebenes “Medium-Power-Satellitensystemfür die europaweite Verteilung von Fernsehprogrammen" zu entwickeln.Aber auch in der Anfangsphase von ASTRA sah es nicht so aus, alswürde dieses Satellitensystem die komplette deutscheMedienlandschaft - zumindest zeitweise - umkrempeln können.
Do you speak english?
Anfangs nämlich war ASTRA für Deutschland ziemlich uninteressant(und umgekehrt). ASTRA 1A wurde am 11. Dezember 1988 ins Allgebracht, und für den englischsprachigen Zuschauer in Mitteleuropa warmit einer 60-cm-Schüssel vom Frühjahr 1989 an eine anschaulicheAuswahl an Programmen zu empfangen: Sky Channel, Lifestyle, SkyTelevison, MTV und The Children's Channel, Eurosport und Sportnet. Fürden deutschsprachigen Raum sah das Angebot beim Sendestart Anfang1989 eher kärglich aus: Lediglich der Sportkanal (der deutsche Ablegervon Sportnet) und Eurosport wurden mit deutschem Kommentar geboten.Doch bereits zu diesem Zeitpunkt traf die SES eine Entscheidung, dievon vielen mitleidig belächelt wurde: Vier Transponder wurden ­obwohl anderweitige Nachfrage bestand ­ für deutsche Anbieter freigehalten. Eine Art der Unternehmenspolitik, die in vielen deutschenUnternehmen als völlig hirnrissig betrachtet wird: einen kleinen Gewinn heute zugunsten einer Langzeit-Strategie auszuschlagen. Dank der heute starken Beteiligung deutscher Banken und Manager an der SES wird sich diese verfehlte Unternehmenspolitik nicht wiederholen.
Zu diesem Zeitpunkt verloren bereits viele deutsche Zuschauer ­ auch diejenigen, die dem Postmonopol kritisch gegenüberstanden ­ dasInteresse an ASTRA und wandten sich dem Projekt der Deutschen Bundespost zu, das den klangvollen Namen Kopernikus trug.
Wehret den Anfängen!
Die Bundespost machte sich jedoch Sorgen. Ihre Medien-Kreuzritterfürchteten nicht nur völlig zu Recht um ihr Monopol in Sachen TVÜbertragung, weil mit den kleinen 60-cm-Schüsseln praktisch jeder dieneuen Programme empfangen konnte. Nein, zu allem Überfluß solltedieser erste - kommerzielle - ASTRA-Satellit gleichzeitig der ersteeines ganzen Satelliten-Paketes sein, das den Kabelbemühungen derDeutschen Bundespost durchaus gefährlich werden konnte.
Selbst Satelliten mit europäischen Programmen für denIndividualempfang einzurichten, war den obersten Verhinderernjeglicher freier Medien (seien es freie Radiosender oder ausländischeSatelliten-Programme) der Deutschen Bundespost vor ASTRA gar nichtin den Sinn gekommen. Das hieße ja, dem Empfang von “Feindsendern" inder Bundesrepublik Vorschub zu leisten. Die Hörer und Schauer in derBRD hatten doch ihre öffentlich-rechtlichen und ein paar privateProgramme, alle hübsch hausgemacht, und konnten sich ans(bundesposteigene) Kabelnetz anschließen lassen, um ein paar weitere(von der Bundespost und den Landesregierungen) ausgesuchteProgramme empfangen zu können. Das sollte schließlich reichen, um dasdeutsche Informationsbedürfnis zu befriedigen. Wozu da nochSatelliten-Direkt-Empfang? Das mußte mit aller Macht verhindertwerden. Und davon hatte die Bundespost nicht gerade wenig ...

1989 - Bundespost strikes back!
Viele glauben es heute noch nicht, aber auch die Deutsche Bundespostist durchaus in der Lage, ihr Weltbild der Realität anzupassen,zumindest teilweise. Nicht daß sie die Hausdurchsuchungen undBeschlagnahmungen bei Menschen, die eine Satellitenschüssel ihr eigennannten und im Verdacht standen, in der Bundesrepublik (von derBundespost) nicht erlaubte Programme zu empfangen (beispielsweisedas italienische RAI), eingestellt hätte. Nein, sie arbeitet auchweiterhin in enger Zusammenarbeit mit kirchturmsichtigenLokalpolitikern (beispielsweise in Düsseldorf-Hellerhof) daran, mitfadenscheinigen Begründungen (“stört das Stadtbild" u.ä.) dasAufstellen von Satelliten-Schüsseln zugunsten des Kabelanschlussesgesetzlich zu verbieten. Nein, das alles tat sie weiterhin und tut es bisauf den heutigen Tag.
Daneben versuchte die Bundespost aber auch, den SatellitenDirektempfang ihren Vorstellungen gemäß zu kanalisieren. Ziel ihrerKanäle war Kopernikus, ein Satellit, der als Abfangjäger gegen die ausLuxemburg empfangenen ASTRA-Pläne eingesetzt wurde. Ursprünglichwar DFS-Kopernikus als Fernmeldesatellit geplant (DFS = DeutscherFernmelde-Satellit), der noch laut einer Postankündigung aus dem Jahre1987 “fünf bis sechs Fernsehprogramme übertragen wird" und “nur mitgroßen Parabolspiegeln mit 3-4 m Durchmesser zu empfangen" seinsollte. Doch dann wurde er flugs zu einem Fernseh- und RadioSatelliten “umgebaut". Dieser Satellit sollte es mit einer 90erSchüssel ermöglichen, die “beliebtesten deutschen Radio- und TVProgramme" zu empfangen. Die Bundespost tat dann auch alles in ihrerMacht Liegende, um den Kopernikus-Empfang zu unterstützen: AlsMonolpolist und Verordnungsgeber (also beinahe Gesetzgeber) in SachenFrequenzen und Funk in Deutschland entschied sie kurzerhand, daß fürKopernikus keine Anmeldung und keine Gebühren fällig sind. ImGegensatz dazu sah sich die Bundespost beim privaten ASTRA genötigt,im Interesse des internationalen Fernmeldeverkehrs dieEmpfangsanlagen anmelde- und gebührenpflichtig zu machen. Außerdemnötigte die Bundespost im Schulterschluß mit bundesdeutschenPolitikern und Behörden auch die privaten Programmanbieter dazu,einen Kanal auf Kopernikus zu mieten. Anderenfalls würde der begehrtePlatz im Kabelnetz der Bundespost verwehrt. (Wie eine niederländischeSatellitenzeitschrift schrieb: Eine Erpressung, die in den Niederlandenzu Stürmen der Entrüstung geführt hätte. Wohl nicht nur in denNiederlanden. Im immer noch stark obrigkeitshörigen Deutschlandwurde sie dagegen als völlig normal betrachtet und stillschweigendakzeptiert.) Da gerade in NRW die begehrten terrestrischen Frequenzenvergeben wurden und die Frequenzverteiler durchblicken ließen, daß miteiner Belegung des Post-Satelliten die Chancen auf die landesweitenFernseh-Sender größer seien als bei einer Ausstrahlung über denausländischen, zögerten die privaten Fernsehanbieter in Deutschlandnoch, das ASTRA-Angebot zu nutzen, und belegten zunächst nur Kanäleauf Kopernikus. Eine kleine Behinderung des Satellitenempfangs konntesich die Bundespost allerdings nicht verkneifen: Für Kopernikus 1brauchte man (und braucht es für die beiden NachfolgemodelleKopernikus 2 und 3 noch heute) immer noch mindestens 90-cmSchüsseln und einen speziellen LNB, da die Programme netterweise aufzwei verschiedenen Frequenzbereichen ausgestrahlt wurden.
Die Rechnung der Post schien aufzugehen, das Interesse an Kopernikuswar in Deutschland größer als an ASTRA. Und auch das Hauptziel schienerreicht: Das Interesse am direkten (durch die Postwächterunkontrollierbaren) Satelliten-Empfang war in Deutschland praktischgleich Null. Die Verkabelungsroutine konnte ungestört weiterlaufen.
1989: ASTRA hat sie!
Das Interesse am Satelliten-Direktempfang stieg in Deutschland erstab dem 8. Dezember 1989 wieder, von da an aber rasant, an. Jetzt erstzahlte sich nämlich das Warten der SES aus: Die drei großendeutschsprachigen Satelliten-Programme nutzten die für siefreigehaltenen Transponder auf ASTRA: SAT.1, RTL plus (heute RTLTelevision) und PRO 7. Lediglich Tele 5 (heute von der Kirch-Gruppe zumDeutschen Sportfernsehen umfunktioniert) konnte sich noch immernicht entschließen, belegte aber später einen Transponder auf demzweiten Satelliten ASTRA 1B. Den “Tele-5-Transponder" auf ASTRA 1Abelegte überraschenderweise ein öffentlich-rechtliches Programm: derKulturkanal von ZDF, ORF und SRG, genannt 3SAT. Jetzt setzte geradezuein ASTRA-Boom ein ­ zu Lasten von Kopernikus & Co.: Standen AnfangNovember 1989 in Deutschland (alte BRD) noch 55.000 KopernikusEmpfängern lediglich 25.000 ASTRA-Schüsseln gegenüber, hatte ASTRAbereits zwei Monate, nachdem die vier deutschen “Privaten" zumASTRA-Programm gehörten, im Januar 1990 gleichgezogen. Heute spieltKopernikus bei den Empfangszahlen des Satelliten-Direkt-Empfangs nurnoch eine unbedeutende Nebenrolle.
Satellit mit System
ASTRA 1A (so der offizielle Name des Erstlings) mit seinen 16 TVProgrammen war nur der erste Baustein zu einem System aus sechsSatelliten. ASTRA 1B folgte im Frühjahr 1991, 1C im Herbst 1992, und1D ist für den Herbst 1994 vorgesehen. Möglicherweise testen zu demZeitpunkt, da Sie diese Zeilen lesen, bereits die ersten Programme.Noch zwei weitere Satelliten (1E und 1 F) mit jeweils 16 (bzw. 18)Transpondern (Übertragungskanälen) sollen an die gleiche Stellegebracht werden. Alle Satelliten werden so positioniert, daß siegleichzeitig mit der gleichen 60 cm kleinen Schüssel empfangen werdenkönnen ­ ohne daß die Schüssel auch nur einen Millimeter gedrehtwerden muß. (Womit allerdings nicht gesagt ist, daß auch dieProgramme von 1D bis 1F mit der vorhandenen Empfangsausrüstung insHaus geholt werden können.) Fällt einmal ein Übertragungskanal aus,schaltet die Zentrale das Programm sofort auf die gleiche Frequenz aufdem Reserve-Satelliten um ­ der Zuschauer braucht nicht einmal dieEinstellung auf seinem Empfänger umzustellen. Notfalls kann dasSystem sogar den Verlust eines ganzen Satelliten verkraften.
Und wie war das doch gleich noch 1987, knapp 7 Jahre zurück: maximal6 Fernsehprogramme mit einer 3-4 Meter durchmessenden Schüssel?Heute senden fast alle der damals über Satellit ausgestrahltenProgramme (sofern es sie noch gibt) über ASTRA.
Gedenken wir hier kurz der Verluste an deutschsprachigen Programmen,die unter diesen Programmen zu beklagen waren:
Die deutsche musicbox, ein jugendorientiertes Videoclip-Programm,entwickelte sich zu Tele 5, einem jugendorientierten Vollprogramm mitlegeren, jugendlichen Moderatoren. Tele 5 wurde nach entsprechendenVorleistungen der CLT (Frank Elstner machte als CLT-Vertreter ausTele 5 eine Art ARD für Arme) brutal und feindselig von der KirchGruppe übernommen und geschlachtet. Hier zimmerte man aus denTrümmern das Deutsche Sportfernsehen zusammen. Ein im Gegensatz zuTele 5 dilettantisch gemachtes hausbackenes Sportprogramm, das wohlirgendwann einmal dazu dienen soll, in einem Kirch-Pay-TV-Paket denSportpart abzudecken. (Glücklicherweise beteiligen sich einige derMacher von Tele 5 und musicbox heute an RTL 2, so daß nicht allesverloren ist, wenn sich auch RTL 2 derzeit weniger lebendig und offenals vielmehr gestylt und aufgesetzt-locker präsentiert.)
eureka, das erste deutsche Nachrichten-Fernsehen, daß auch als erstedeutsche Station ein Frühstücksfernsehen anbot, wurde vom KirchFilius Thomas gekauft, die Mitarbeiter wurden freigesetzt, und auf denTrümmern entstand der Kriegs- und Gewaltfilm-Kanal PRO 7.
(Grüße übrigens an die vergeßlichen Werbestrategen von n-tv und alle,die das mit dem “ersten deutschen Nachrichtenfernsehen" einfachnachplappern.)
1Plus, das Satellitenprogramm der ARD, mußte sterben, weil Kulturkeine Einschaltquoten bringt (und das das einzige zu sein scheint, wasfür die Nowottny-ARD heutzutage noch zählt). Statt dessen verpulverndie ARD-Anstalten ihr Geld heute für eine europaweite Ausstrahlungihrer Regionalprogramme über ASTRA.
Inzwischen sind nämlich auch die öffentlich-rechtlichen Dritten, diebisher nur über Kopernikus zu empfangen waren, auf ASTRA. Danebensenden einige weitere Regionalprogramme und die Hauptprogramme vonARD und ZDF neu via ASTRA. ASTRA wird immer langweiliger,Kopernikus dagegen wird immer leerer.
Das keiner des anderen Programme empfange ...

Es hätte so schön sein können. Es hätte wirklich europäisches Fernsehensein können. Man hätte wirklich in London das gleiche Program sehenkönnen wie in Neapel. Man wäre sich nähergekommen.
Hätte - wenn nicht drei Dinge zusammengekommen wären:
1. die Furcht der europäischen Politiker, daß sich die Menschen inEuropa über die Grenzen hinweg ohne sie verständigen könnten,
2. die Angst der Politiker vor wirklich freien und unabhängigenMedien, die sich nicht allein in Hofberichterstattung und Seichtigkeitergehen,
3. die gemeinsamen Anstrengungen von Politikern und Wirtschaftgegen dieses grenzüberschreitende Fernsehen und Radio.
Und es war allerlei, was letzteren da einfiel. Und das EG-Parlament,eigentlich die Vertretung der Menschen in ganz Europa, sah nicht nur zu,sondern wirkte an den neuen Grenzen im All kräftig mit.
Wie sollte man sicherstellen, daß Menschen auch wirklich die Radio-oder Fernsehprogramme empfangen konnten, die auch für sie bestimmtwaren, die aus ihrem eigenen Lande kamen? Da wurde die Idee geboren,eine neue EG-Fernsehnorm allen Satellitenprogrammen aufzuzwingen:Jedes Programm, das über Satellit ausgestrahlt wird, sollte diesenPlänen zufolge in D2-MAC ausgestrahlt werden. Dafür sind natürlichspezielle (kostspieligere) Empfänger (Receiver/Decoder) erforderlich.Die Deutsche Bundespost und die Franzosen nutzen diese Norm heutenoch für ihre Satelliten TV-Sat/TDF, die nicht gerade berauschendeZuschauerzahlen aufweisen können.
Aber man konnte die Zuschauer doch nicht schutzlos den Programmenaus anderen Ländern ausliefern. Schließlich hatte jedes Land seineeigenen Medien, die speziell auf die Bürger des jeweiligen Landeszugeschnitten wurden und ihnen ein für sie wohlbekömmliches Weltbildzeigten, so wie sie es aus den Tageszeitungen kannten. Diefremdländischen Programme könnten sie jedoch in tiefe Verwirrungstürzen. Das mußte im Interesse der Zuschauer verhindert werden!
Der nächste Schritt war schon wesentlich erfolgreicher. Die gute Saatwar auf den ASTRA-Transpondern aufgegangen: Strahlte ASTRA 1Aursprünglich noch 10 von 16 Programmen für Zuschauer in allenmöglichen europäischen Ländern frei empfangbar aus, hat sich dieseMedienüberfremdung aus dem All bei 1B und bei 1C deutlich vermindert.Das All-Heilmittel gegen den europaweiten Empfang vonSatellitenprogrammen heißt: Verschlüsselung!
ASTRA-Verschlüsselungsgrad
Programme, die verschlüsselt und/oder in D2-MAC ausgestrahlt werden
1991: ASTRA 1A: 6 Programme von 16 = 37,5%
1992/93: ASTRA 1A: 7 Programme von 16 = 43,75%
ASTRA 1B: 10 Programme von 16 = 62,5 %
ASTRA 1A + 1B: 17 Programme von 32 = 53,12 %
1993/94: ASTRA 1A: 8 Programme von 16 = 50 %
ASTRA 1B: 11 Programme von 16 = 68,75 %
ASTRA 1C: 9 Programme von 16 = 56,25 %
ASTRA 1A - C: 28 Programme von 48 = 58,33 %
Hierzu noch zwei Anmerkungen: Außer acht gelassen wurden hier diebeiden Zusatztransponder auf ASTRA 1C, die nicht von allen Receivernempfangen werden können. Das ergäbe zwei zusätzlich Transponder.Darüber senden Filmnet (bereits verschlüsselt) und rtl V (wirdverschlüsselt). Das heißt also, es ergäbe sich ein Verhältnis von:
30 Programme von 50 = 60%.
Der Einfachheit halber sind hier Programme mit Transponderngleichgesetzt. Da über einige Transponder nacheinanderunterschiedliche Programme senden, sieht das Ergebnis etwas anders,aber immer noch berauschend aus, wenn die Programmegegenübergestellt werden. Da ASTRA aber diese Programmzahlen fürseine vollmundige Werbung nutzt, wollen wir auch das einmal unter dieLupe nehmen:
Über das Gesamtsystem A-C senden heute 58 Programme (manche nureinige wenige Stunden). Davon verschlüsselt: 34. Ergibt folgendesVerhältnis:
34 Programme von 58 = 58,62%
Das bedeutet: Von den 48 bzw. 50 über ASTRA empfangbarenTranspondern sind fast zwei Drittel nicht mehr in allen Ländern Europasungehindert empfangbar. Und der Trend bei ASTRA geht weiterhin zu denverschlüsselten Programmen. Mehr dazu im Kapitel 11: For UK Only.
Was bleibt denn dann noch an frei empfangbaren Programmen aufASTRA? Sind das denn dann wenigstens interessante Angeboteeuropäischen Zuschnitts? Nun ja.
Schon von Anfang an lag das höchste Interesse des bundesdeutschenVertreters von ASTRA darauf, möglichst die für die bundesdeutschenZuschauer verträglichen öffentlich-rechtlichen Anstalten auf ASTRA zubekommen. Private Anbieter mußten halt so in Kauf genommen werden,aber neue (vielleicht sogar unabhängige) Stationen haben hierglücklicherweise nicht die geringste Chance. Und Radios? Schauen Siesich das strahlende Bild deutscher Radios auf ASTRA an: Nicht eineStation, die auch annähernd die Unabhängigkeit der niederländischenRadio 538 und Holland FM oder des britischen Virgin 1215 hätte. Zweiordentliche Konzernradios (StarSat und Radioropa von der TechnisatGruppe in Daun), ein paar Kaufhaussender und ansonsten nur öffentlichrechtliche Sender wie Deutschlandradio, WDR 2 und SWF 3. Auch dasehemals störende Radio Luxemburg hat man inzwischen auf eineordentliche Linie gebracht. Lediglich die Schweiz muß mit ihremVolksmusik-Radio Eviva noch etwas Unabhängiges bieten.
Auf gar keinen Fall durfte man sich bei ASTRA-Deutschland mit derbundesdeutschen Telekom oder den Kabelanbietern anlegen. Also hieltman mit den Vorteilen des Individualempfangs gegenüber dem Kabelschön hinter dem Busch. Schließlich sollten ja die ASTRA-Programmeins Kabel kommen, Satelliten-Direkt-Empfang war nicht unbedingt dasbevorzugte Anliegen. So ist es kein Wunder, daß große Freude herrschte,als schließlich ASTRA zum ARD-Satelliten wurde. Heute strahlen nebenARD und ZDF sage und schreibe 5 bundesdeutsche Regional(!)programmeüber ASTRA europaweit. 5 Transponder, auf denen entweder zeitgleichoder zeitversetzt das gleiche läuft. Und zwei Transponder, über die ARDund ZDF ihr Hauptprogramm europaweit ausstrahlen. (Von denenProgrammteile dann wiederum in den Dritten und bei 3Sat landen.)Macht sieben Transponder, die für den hiesigen Zuschauer einengeradezu überwältigenden Gewinn bringen (von den europäischen ganzzu schweigen, die holländischen Satelliten-Zeitschriften waren vondem “erweiterten" Programmangebot schlichtweg begeistert).
Nehmen wir die fünf Regionalprogramme und die beiden bundesweitenProgramme der deutschen Öffentlich-Rechtlichen in die ProgrammAngebot-Übersicht von ASTRA auf, bietet sich folgendes Bild:
Programme ASTRA 1 A-C: 58
­ davon verschlüsselt: 34 (= 58,62%)
­ davon bundesdeutsche ÖR: 2 (= 3,5%)
­ davon bundesdeutsche Regionalprogramme: 5 (= 8,6 %)
Zusammen belegen die bundesdeutschen öffentlich-rechtlichenProgramme beinahe 10% der verfügbaren Transponder.
Verschlüsselte & bundesdeutsche öffentlich-rechtliche Programme: 41(= 70, 68%).
Eine wahrhaft himmlisch abwechslungsreiche Programmauswahl.Dennoch soll es noch Leute geben, die vom aktuellen Programmangebotund der Verschlüsselung nicht völlig begeistert sind. Und wenn Sie esnicht weitersagen: der Autor dieser Zeilen gehört dazu.
Spekulationen
Darüber, wer die Transponder auf ASTRA 1D belegen wird, gibt es bereits diverse Gerüchte und Vermutungen. Egal, wie fundiert dieÜberlegungen der “Experten" auch sein mögen, es bleiben Spekulationen­ so lange, bis der Vertragsabschluß öffentlich bekannt gegeben wirdoder das Programm sendet.
Für 1D ist übrigens auch die Ausstrahlung von Programmen in der neuenhochauflösenden europäischen Fernsehnorm vorgesehen (sogenanntesHigh Definition Television ­ “HDTV"). Außerdem sollen in digitalerÜbertragungsweise über einen Transponder gleichzeitig mehrere TVProgramme übertragen werden können. Genutzt werden dürfte dieseMöglichkeit vor allem von - wir ahnen es schon - Pay-TVs, die daraufdie gleichen Sendungen zeitversetzt für sogenannte Pay-Per-ViewProgramme ausstrahlen werden (siehe Kapitel 11). Für den Empfang derdigitalen Programme sind aber neue technische Elemente nötig,beispielsweise neue Receiver. Was man genau machen und was genau fürden Empfang benötigt wird, weiß heute (April 1994) noch niemand sorecht.
If you can't beat them - buy them!
(Wenn Du sie nicht schlagen kannst, kauf sie)
Inzwischen hat sich ASTRA so weit dem Weltbild der DeutschenBundespost Telekom angenähert, daß es keine große Überraschung mehrwar, als die SES (Betreiber von ASTRA) und die Deutsche BundespostTelekom bekannt gaben, daß sich die deutschen Medienkontrolleure mit16% an der SES beteiligen werden und so Telekom-Kabel und ASTRAProgramme eine große glückliche Familie bilden können. Bei dieserschlagenden Verbindung dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bisauch die restlichen Programme über ASTRA nur noch für dieKabeleinspeisung genutzt werden und der von der Bundespost Telekomgehaßte unkontrollierte Individualempfang - zumindest was ASTRAangeht - das Nachsehen hat. (Und ASTRA ist im Augenblick noch fürviele weitgehend gleichbedeutend mit dem Satellitenempfangschlechthin. Aber im Gegensatz zum Kabel hat man beim SatellitenEmpfang immer noch diverse Ausweichmöglichkeiten: andere Satellitenmit anderen, unverschlüsselten, Programmen!)
Und damit schließt sich der Kreis wieder, der von ASTRA so rüdeunterbrochen wurde. Aus dem privaten Satelliten-System fürgesamteuropäisches Radio und Fernsehen ist ein internes Zuspielsystemfür bundesdeutsche Kabelnetze, ein exorbitaler Füllsender fürbundesdeutsche öffentlich-rechtliche Programmveranstalter und diepersönliche Verteilerstation für den britisch-australischen Pay-TVMogul Sky-Television (in Großbritannien wird ASTRA meist “The SkySatellite-System" genannt) und andere Pay-TVs, die in jeweils nureinem begrenzten Bereich Europas empfangen werden können/dürfen,geworden. Die letzte halbwegs freie Radiostation auf ASTRA, RadioQuality Europe FM - das zusammen mit anderen, inzwischenverstorbenen Radiostationen ASTRA für eine Menge Menschen zu eineminteressanten Radio-Satelliten gemacht hatte - wurde von dermodernen Unternehmensführung, die jetzt bei der SES am Ruder ist,Ende Januar 1994 wegen rückständiger Transpondermietenabgeschaltet.
Und damit endigt auch unsere Mär von den 1001 Programmen, derunglücklichen Liebe zwischen deutscher ASTRA und Telekom, die sichletztendlich doch noch erfüllen durfte. Alles schlüpft wieder unter diebehütenden Fittiche der bundesdeutschen Telekom. Jetzt kann Europawieder beruhigt schlafen. (Verraten Sie bloß nicht, daß es noch eineganze Reihe anderer interessanter Satelliten über Europa gibt, sonstgeht das mit dem Satelliten-Direkt-Empfang am Ende noch weiter,wenn ASTRA erst einmal komplett verschlüsselt ist Š)
Wer ist die SES?
Die SES betreibt die ASTRA-Satelliten mit einer luxemburgischenKonzession für die Verbreitung von Rundfunkprogrammen über Satellit,die kürzlich bis über das Jahr 2000 hinaus verlängert wurde. Dieluxemburgische Aktiengesellschaft verdient ihr Geld mit derVermietung der ASTRA-Satellitenkanäle an Fernseh- undHörfunkprogramme. Das Großherzogtum selbst besitzt über zweiöffentlich-rechtliche Finanzinstitute 20 % der Aktien, während sich derRest des Eigenkapitals in den Händen von privaten Unternehmen ausverschiedenen europäischen Ländern befindet.
Die Geldgeber
In der Anfangsphase gab es zwei Gruppen von Aktionären der SES. Dieerste Gruppe umfaßte private Firmen aus sechs europäischen Ländern,die mit ihren “A"-Aktien zusammen 80% des Aktienkapitals vertraten.Keine Firma konnte mehr als 10% des Aktienkapitals erwerben. ImJanuar 1990 waren dies:
€ AACHENER UND MÜNCHENER BETEILIGUNGS-AKTIENGESELLSCHAFT
€ BANQUE GENERALE DU LUXEMBOURG S.A.
€ BENSON S.A. H .
€ BIL PARTICIPATIONS (BANQUE INTERNATIONALE A LUXEMBOURG)
€ DEUTSCHE BANK LUXEMBOURG S.A.
€ DRESDNER BANK LUXEMBOURG S.A.
€ STUVIK A.B. (KINNEVIK)
€ KIRKBI A.S.
€ NATINVEST S.A.H.
€ REALISATIONS ET INVESTISSEMENTS EN TECHNOLOGIES AVANCEES(RITA) S.A.H.
€ SOFINIM (SOCIETE NATIONALE D'INVESTISSEMENT, BELGIQUE)
€ TELFIN (SOCIETE GENERALE DE BELGIQUE)
€ THAMES TELEVISION, PLC.
€ TSV TELEVISION SOUTH WEST HOLDINGS, PLC.
€ ULSTER TELEVISION, PLC.
Auffallend, aber wohl kennzeichnend für die Krämerseele der deutschenMedienwelt: nicht ein bundesdeutsches Medien-Unternehmen hat sich zuBeginn an dieser zuschauerfreundlichen Revolution desFernsehempfanges beteiligt. Zur zweiten Gruppe des SESGesellschafter gehörten zwei staatliche Finanzinstitute ausLuxemburg, deren “B"-Aktien zusammen 20% des Aktienkapitalsausmachten.
€ BANQUE ET CAISSE D'EPARGNE DE L'ETAT
€ SOCIETE NATIONALE DE CREDIT ET D'INVESTISSEMENT
Die aktuelle Verteilung des SES-Kapitals teilt Ihnen die SESMarketingstelle in Eschborn oder die SES-Öffentlichkeitsarbeit inLuxemburg auf Anfrage sicherlich gerne mit.
Soweit unser Blick auf die Entwicklung des DirektenSatellitenempfanges, der durch ASTRA und Sky Television auf Tourengekommen ist, aber durch beide auch wieder absterben könnte. InEngland sind die Schüsselverkäufe übrigens nach Bekanntgabe derUmwandlung der meisten englischen Programme in Pay-TVs (unter derFührung und Verwaltung von British Sky Broadcasting) drastischzurückgegangen. Aber glücklicherweise ist man, wie gesagt, imGegensatz zum Kabel beim Satellitenempfang nicht darauf angewiesen,was einem der Anbieter gönnt oder nicht. Wenn das ASTRA-Programmnicht mehr ausreicht, drehen wir halt unsere Schüssel ein kleines Stückweiter und empfangen beispielsweise eine ganze Reihe internationalerProgramme (darunter Eurosport, Euronews, RTL 2, VIVA und NBC-SuperChannel) von EUTELSAT II-F1, einem der anderen EUTELSATelliten odereinem ganz anderen. Die von EUTELSAT II-F1 von der Position 13š Ostempfangbaren Programme sind aber nur die Vorhut, denn EUTELSAT willauf dieser Position ebenfalls ein System mit drei Satelliten aufbauen.Der zweite soll bereits im Oktober 1994 dazustoßen. Mehr dazu, waswar, was ist und was kommt, im nächsten Kapitel: Die Alternative:EUTELSAT.
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